Ein Beitrag von Raul Zelik (Schriftsteller, Mitglied im Parteivorstand Die LINKE)

 

Die Medien-Empörung über das Interview mit dem JUSO-Vorsitzenden Kevin Kühnert zeigt v.a. eins: dass die bürgerliche Gesellschaft es gar nicht gern sieht, wenn über die wirklichen Machtverhältnisse gesprochen wird. Nämlich über das Eigentum. Oder genauer gesagt: über die Vermögen der Großindustriellen, Fondsinhaber, Banker und Milliardenerben. Der Familien Quandt, Albrecht, Schwarz, Reimann, Klatten, Otto, Würth sowie ihrer Manager.  Es geht bei der Diskussion nämlich nicht um den Handwerkerbetrieb oder die eigene Wohnung, sondern um das große Vermögen der oberen 0,5 Prozent.

 

Eigentlich liegt auf der Hand, dass Demokratie und ihre Freiheiten eine Farce bleiben, solange wenige fast alles, andere fast nichts besitzen. Angeblich sind wir alle gleich und haben alle die gleiche Stimme. Aber in Wirklichkeit können sich einige wenige TV-Sender kaufen, Think Tanks gründen oder Lobby-Unternehmen beauftragen und so dafür sorgen, dass ihre Interessen auch berücksichtigt werden. 

 

Kevin Kühnert hat zwei richtige Dinge im Interview gesagt: Erstens sind die großen Vermögen nicht von Unternehmensgründern und schon gar nicht von den heutigen Eigentümern erwirtschaftet worden, sondern von ihren Belegschaften. Das Vermögen der Quandts (die übrigens nicht nur mit BMW, sondern auch mit der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus viel Geld verdient haben) ist deshalb selbst schon ein Ergebnis von Enteignung. Keine Arbeit ist so wertvoll, dass sich damit ein Milliardenvermögen anhäufen ließe. Die lateinische Wortwurzel verweist übrigens darauf: privare bedeutet rauben oder berauben. Privat ist das, was Einzelne der Allgemeinheit abgenommen haben.

 

Die Armut der Einen und der Reichtum der Anderen sind zwei Seiten von ein und der selben Medaille.

 

Zweitens ist es ein Unding, dass in unserer Gesellschaft nicht die Bedürfnisse der Menschen, sondern die Profite entscheiden. Das wird in Anbetracht von Klimawandel und neuem Wettrüsten immer mehr zur Überlebensfrage. Wir müssen unsere Gesellschaft, die Produktionsweise, den Lebenszuschnitt und die internationalen Beziehungen grundlegend verändern. Wir alle wissen das. Warum passiert es dann nicht? Weil heute nicht entscheidend ist, was die Menschen brauchen, sondern was Gewinn erwirtschaftet. Eine ökologische und solidarische Wende kann es deshalb nur geben, wenn Eigentum demokratisiert und Privatinteressen zugunsten von gesellschaftlichen zurückgedrängt werden. Die Eigentumsfrage ist nicht die Lösung aller Probleme, aber sie ist Grundlage dafür, dass überhaupt wieder demokratische und solidarische Lösungen möglich werden.

 

Dazu kommt aber noch etwas Drittes, das im ZEIT-Interview keine Rolle gespielt hat: Für sehr viele Güter ist Eigentum sowieso ein völlig falsches Konzept. Dem Verständnis von Eigentum liegt zugrunde, dass es veräußert werden kann. Aber Natur, städtischer Raum, soziale und öffentliche Dienstleistungen (wie Erziehung, Gesundheit, Nahverkehr usw.) sollten überhaupt nicht gehandelt werden können. 

 

Klingt das nach DDR? Nicht wirklich, denn in der DDR agierte der Staat wie ein Eigentümer und befand sich selbst in den Händen einer kleinen Gruppe von Parteiführern. Wir streiten für etwas grundlegend anderes, nämlich für eine Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche. Auch der Wirtschaft! Nicht der Markt, sondern wir alle müssen entscheiden, ob und wie viel geflogen wird, was mit der Rüstungsindustrie geschehen soll, wie wir die Arbeit anders verteilen. Das Wort „Sozialismus“ kommt von „Gesellschaft“, nicht von „Staat“, und deshalb ist Gemeineigentum auch nicht dasselbe wie Staatseigentum. 

 

Vor 70 Jahren – nach der Katastrophe der freien Märkte 1929, dem Siegeszug des Faschismus und des Weltkriegs – wussten das selbst einige Konservative. Im Grundgesetz ist deshalb nicht definiert, wie die Wirtschaft aussehen soll; die Vergesellschaftung von Unternehmen ist ausdrücklich vorgesehen. Selbst die CDU forderte in ihrem „Ahlener Programm“ von 1947 die Sozialisierung von Schlüsselindustrien. 

 

Was wir nicht brauchen, ist eine Rückkehr des allmächtigen bürokratischen Staates, in dem Funktionäre entscheiden, was gut für alle ist. Was wir brauchen, ist eine Stärkung von demokratischem Gemeineigentum und Gemeinnutzung in den unterschiedlichsten Formen: genossenschaftlich, öffentlich-rechtlich, als Allmende, mit Belegschaftsdemokratie usw. 

 

Was wir fordern, ist deshalb eigentlich auch gar keine Enteignung, sondern das genaue Gegenteil: ein Stopp der alltäglichen Enteignung durch Niedriglöhne, Kapitalrenditen und Mietenwahnsinn.

Ein paar Nachgedanken zum Workshop und zu unserer Sitzung am 05.03.2019

Nach zweistündigem Gedankenaustausch fahre ich wie wahrscheinlich jede/r von uns zumeist nachdenklich nach Hause. Anders als in unserer TTIP/ CETA – Anfangszeit sind un­sere Treffen in den vergangenen Monaten bestimmt von sehr unterschiedlichen Mein­ungsäußerungen und teils auch gegensätzlichen Positionen zu einer manchmal schwer zu überblickenden Vielzahl von Themen. Unterwegs denke ich dann: Phhhh, wieder haben die Diskussionen in mir Gedanken geweckt, die ich gar nicht loswerden konnte. Und jetzt - aber eben leider erst im Nachhinein - sehe ich auch vieles klarer. Was natürlich eine Täuschung sein mag... doch wie auch immer, Täuschung hin oder her, sie brachte mich dazu, tags darauf während einer langen Zugfahrt (einmal Berlin und retour) ein paar dieser Nachgedanken aufzuschreiben.

 

Das System und die Nische

Da ist also diese bittere Erkenntnis, uns allen nicht ganz neu, doch von Gert bei unserem let­zten Treffen (zu Recht!) noch einmal mit Nachdruck vorgetragen: ES, das System (kapitalis­tisch, neoliberal, mit basaler Konstante Entfremdung) hält uns gefangen.

Dagegen ist das, was sich in Nischen der Gesellschaft ausbildet wie z.B. auch in diversen Versuchen, Elemente einer solidarischen Lebensweise zu realisieren, wohl im Einzelnen zu begrüßen, aufs Ganze gesehen aber ohnmächtig.

Und nicht nur das: In vergangenen Sitzungen wurde mehrfach auf die Gefahr verwiesen, dass in solchen Initiativen über dem Engagement für das konkrete Handlungsziel der bestim­mende sozioökonomische Hintergrund aus dem Blick gerät. Stichwort: “Alles schön und gut, aber ohne Systemwechsel geht es nicht.” Wird das vergessen und stattdessen nur mehr oder minder blauäugig das jeweilige Nischenprojekt verfolgt, dann bleiben trotz aller Anstrengung am Ende das kapitalistische Wirtschaftssystem und mit ihm die bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse unberührt.

Belege hierfür bot, so hieß es, der nur wenige Tage zurückliegende Workshop, in dem es um mögliche Wege von der imperialen zur solidarischen Lebensweise ging. Junge .... TeilnehmerInnen hätten zum Teil trotz offensichtlich vorhandener Bereitschaft zu gesellschaft­skritischem Engagement erhebliche Wissensdefizite (“ Industrie 4.0... - Was ist das denn?”) und auch ein beträchtliches Maß an Realitätsferne offenbart (“Am besten gleich alle Autos ab­schaffen!”).

Auch mir fallt es nicht schwer, die angesprochene Gefahr zu erkennen. Mit einem Engage­ment, das nur in einem kleinen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit nach Veränderung strebt, kann eine Verkennung der Realitäten leicht einhergehen – nicht zuletzt auch über der Hitzigkeit des Engagements. Aber kennen wir alle nicht ebenso viele Beispiele, wo das nicht der Fall ist? Und müssen wir unseren Blick nicht primär hierauf richten? Mir fällt zuerst, die große unteilbar-Demo in Berlin vom Oktober letzten Jahres ein. Etwa eine Viertelmillion Men­schen, aktiv in denkbar unterschiedlichsten Initiativen und Vereinen, haben für eine soli­darische Gesellschaft demonstriert - sind aus ihren “Nischen” hervorgekommen und haben gemeinsam agiert.

Vielleicht müssen wir in diesem Zusammenhang auch selbstkritisch einräumen, dass unsere Fähigkeit, die aktuell herrschende gesellschaftspolitische Situation zu analysieren und kritisch zu beleuchten, stark ausgeprägt ist, wogegen unsere Neigung und Bereitschaft zum en­gagierten Handeln dem ein wenig hinterherhinkt. Das um den Tisch versammelte vielhun­dertjährige Lebensalter spielt dabei wohl eine nicht geringe Rolle. Umso wünschenswerter finde ich deshalb, dass es schon bald zu dem während des Workshops angesprochenen Aus­tausch mit der Initiativgruppe des Studiengangs Transformationsstudien kommt.

 

Meine Frontlines

Im Workshop ging es um mögliche Wege von der imperialen zur solidarischen Lebensweise. Dabei vernahmen wir, ein erster Schritt auf diesem Wege könne die Bestimmung der je eige­nen Frontlines sein.

Zur Erklärung für die, die nicht dabei waren und bei denen das dem Workshop zugrun­deliegende Buch “Das gute Leben für alle” nicht im Regal steht (Infobox, S. 81):

Meine Frontlines liegen dort, wo mein unmittelbares Umfeld und ich selbst negativ von der im­perialen Lebensweise betroffen bin. An diese Bestimmung meiner Frontline schließen sich im besten Fall zwei weitere Schritte an: Wo und wie kann ich mich politisch organisieren, um an dem erkannten Missstand etwas zu verändern? Und (raus aus der Nische!): Wie können wir uns mit anderen Frontlines zusammenschließen, um die sozial-ökologische Transformation voranzutreiben?

Bevor ich darangehe, mir meine Frontlines zu vergegenwärtigen, erinnere ich noch einmal an Jörns Einwurf in unserer letzten Sitzung. Er bekannte, auch und gerade nach seiner Teil­nahme am Workshop sei ihm noch einmal deutlich geworden, das von so vielen Seiten ge­priesene Konzept der imperialen Lebensweise bringe für ihn im Grunde nichts Neues. Es wiederhole, so habe ich Jörns Kritik verstanden, doch nur die inzwischen sattsam bekannte Kritik eines neoliberalen Kapitalismus und seiner desaströsen Folgen (Jörn, vielleicht kannst Du Deinen grundsätzlichen Einwand, falls ich ihn hier allzu verkürzt wiedergebe, beim näch­sten Treffen noch einmal detaillierter begründen!?). - Angeregt durch Jörns Einwand habe ich mich jedenfalls gefragt, worin für mich das Neue liegt, wodurch das Erklärungsmodell der im­perialen Lebensweise mich überzeugt.

Es ist die enge, offenbar unauflösliche Verzahnung des Allgemeinen mit dem Besonderen, wie Brand/ Wissen sie in ihrer Analyse beschreiben. Auf der einen Seite das System (s. oben), dessen Strukturen durchweg darauf abzielen, die mit den imperialen Lebens- und Pro­duktionsbedingungen einhergehenden Macht- und Eigentumsverhältnisse zu stabilisieren, auf der anderen Seite das Individuum, also ich, in dessen Körper und Verstand sich die imperiale Lebensweise tief eingeschrieben hat (Brand/Wissen, S.169). - Was bedeutet das konkret? Ich lerne, den globalen Zusammenhang der Herrschaft und Ausbeutung von Natur und Mensch besser zu verstehen, und kann mich entsprechend politisch engagieren. Zugleich erkenne ich, wie sehr ich selbst mit meiner alltäglichen Lebenspraxis in diesen Gesamtzusammen­hang einbezogen bin. Ich trage Mitschuld und entsprechende Verantwortung dafür, in meinem Verhalten und in meinem Lebensumfeld etwas zu verändern. Naiv und letztlich verlogen ist die verbreitete Behauptung, primär müsse der Einzelne sein Verhalten ändern, denn nur durch diese Veränderung im Kleinen könne man auf die ersehnte Umkehr im globalen Maßstab hoffen.

Aber - und das ist es, worauf es mir ankommt - und was sich m. E. aus der Analyse der impe­rialen Lebensweise ableiten lasst: Jeder und jede Einzelne von uns trägt Verantwortung für sein/ ihr Verhalten; kein Verweis auf die Dominanz und die Unausweichlichkeit des Systems kann mich von dieser Verantwortung befreien. Gewiss, meine Verhaltensänderung wird weder die Weltrevolution bewirken noch die Rettung des Klimas, aber sie ist trotzdem unverzicht­bar.

Zurück zu den Frontlines: Es gibt zwei, die mir auf den Nägeln brennen, beide sind verbun­den mit der in unserer modernen Gesellschaft so zentralen Größe Mobilität. Als Fahrradfahrer in Flensburg liegt mir meine erste Frontline tagtäglich vor Augen und in Gestalt von desolaten Fahrradwegen, Unmengen von Auspuffgasen, etc. bekomme ich sie auch gesamtkörperlich zu spüren. Der imperiale Charakter von Automobilität, dessen “Nichtthematisierung im Alltag” Brand/ Wissen beklagen (S. 131), ist wie beinahe allerorten so auch in Flensburg überdeut­lich wahrnehmbar – jedenfalls für Fußgänger und Radfahrer (automobile Subjektivitäten, wie Brand/ Wissen sie nennen, sind demgegenüber in ihrer Wahrnehmung wie auch in ihrer dies­bezüglichen Denkfähigkeit unvermeidlich stark eingeschränkt).

 

Falls jemand von Euch eine ähnliche Frontline für sich ausmacht, hier noch ein aktueller Hin­weis auf einen möglichen zweiten Schritt nach Entdeckung derselben:

Am Freitag, den 05. April um 18.30 Uhr findet die nächste Critical Mass Flensburg statt, Tre­ffpunkt ist an der Hafenspitze; nähere Infos unter

http://criticalmassflensburg.blogsport.de/

Fotos von vorhergehenden critical-mass-Fahrten in Flensburg unter:

https://www.flickr.com/photos/89858966@N00/

 

Schließlich meine zweite Frontline, die ich nur deshalb noch anführe, weil mir scheint, an ihrem Verlauf zeigt sich das Verhältnis von übermächtigem System in Gestalt einer geradezu wahnsinnig ausgebauten Infrastruktur und dem in der Relation scheinbar bedeutungslosen Verhalten des Einzelnen besonders eindringlich. Diese Frontlinie zieht sich über unsere Köpfe und hat zur Folge, dass es über Flensburg keinen blauen Himmel mehr gibt. An einem schö­nen Sommermorgen zählte ich im letzten Jahr gleichzeitig 15 Kondensstreifen, die in unter­schiedlichen Stadien der Auflösung begriffen waren. Einige noch dünn und trügerisch schön, manche breit auseinander gezogen und wieder andere schon übergegangen in die Gestalt von (künstlichen) Cirrus-Wolken – am Ende jedenfalls bleibt kein Himmelsblau mehr, sondern nur noch ein milchiges Blauweiß. Ein Schau- oder Trauerspiel, das täglich beinahe stündlich stattfindet, aber nur bei (weitgehend) wolkenlosem Himmel und entsprechender Lichtein­strahlung zu beobachten ist.

(Wer Genaueres wissen will über die Entstehung künstlicher Wolken aus Kondensstreifen und warum diese Streifen das Klima noch stärker erwärmen als das von Flugzeugen aus­gestoßene Treibhausgas CO2, kann es hier nachlesen:

https://weather.com/de-DE/wissen/wetterlexikon/news/kondensstreifen-so-entstehen-die-kunstlichen-wolken )

Flug- und Autoverkehr, beide sind zentral für Durchsetzung und Stabilisierung der imperialen Lebensweise. Symptomatisch ist, dass dabei dem Fliegen die weitaus bedeutenderen Wachstumsraten prognostiziert werden: Von 2016 bis 2035 wird sich nach Voraussagen der Internationalen Luftverkehrsvereinigung der weltweite Flugverkehr ungefähr verdoppeln. Eine Prognose, der man Glauben schenken darf, wenn man weiß, dass aktuell auf unserem Plan­eten 400 neue Flughäfen im Bau sind sowie über 300 neue Pisten oder Pistenerweiterungen (Zahlen n. Becker, Siemons und Tobias Kalt und Jonas Lage/ unsere beiden Workshopleiter, Einfach mal am Boden bleiben? - in analyse und kritik, zeitung für linke Debatte und Praxis, 11.12.2018).

Das Fliegen ist heute für viele Menschen zum Inbegriff des modernen (“weltoffenen”) Lebens geworden. Dass das so ist, liegt gewiss im Interesse einer Vielzahl mächtiger Indus­triekonzerne, die denn auch viel dafür tun, diesen Nimbus des eleganten, bequemen und su­perschnellen Reisens zumindest in Teilen noch zu erhalten. Tatsächlich haben natürlich die Billigflieger längst die Oberhand gewonnen. Mit ihnen wurden Flugreisen auf breitester Front vor allem eines: skandalös billig.

Meine Frage wiederum mit Blick auf das Verhältnis zwischen dem weltumspannenden Sys­tem und dem kleinen Mikroteilchen, das ich bin, ist also: Was bringt der bewusste Verzicht auf Flugreisen? Auch hier gilt: Individuelle Verhaltensänderungen können keine gesellschaftlichen Probleme lösen, ABER sie sind, wie ich finde, eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass die existentielle Bedeutung des Problems sichtbar wird. In Skandinavien scheint es eine zarte Bewegung hin zu einer solchen Bewusstwerdung zu geben, doch ich frage mich, wie viele Jahre es noch dauern wird, bis das Wort “Flugscham” nach schwedischem Beispiel auch Ein­gang findet in den deutschen Duden.

Unsere Autoren vom I.L.A. Kollektiv bringen die Zweischneidigkeit so auf den Punkt:

Aber die Skandalisierung des Fliegens kann die gesellschaftliche Normalität einer hypermo­bilen Lebensweise infrage stellen und ihre imperialen Voraussetzungen sichtbar machen. Dies darf allerdings nicht auf individueller Ebene verhaftet bleiben, sondern sollte zur Poli­tisierung beitragen und einen Einstiegspunkt darstellen, die Infrastrukturen und die Institutio­nen des imperialen Fliegens zu verändern.” (s. oben “Einfach mal am Boden bleiben?”)

 

Apropos Politisierung:

Am Freitag dieser Woche um 10.00 Uhr wiederum an der Hafenspitze:

FridaysForFuture!

An diesem Tag der erste, man kann mit Recht sagen, weltweite Schulstreik der Geschichte. Kinder und Jugendliche in 80 Ländern sind dabei, in Deutschland an mehr als 200 Orten. Auch ich werde mit Überzeugung und Neugier hingehen, denn Frontlines verbinden Generationen…

 

Günter, 13.03.19

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Zum Niedergang der Weltmacht USA hat auch Deutsch-Europa beigetragen.

Es scheint eine jener ironischen Wendungen zu sein, zu denen der Weltgeist besonders in Krisenzeiten aufgelegt ist: Ausgerechnet der megalomane Borderliner Donald Trump, der antrat, die USA »wieder groß zu machen«, darf nun ihrer Abwicklung als globale Hegemonialmacht präsidieren. Die Vereinigten Staaten könnten »nicht weiterhin der Weltpolizist sein«, erklärte Trump Ende Dezember letzten Jahres während eines überraschenden Besuchs bei amerikanischen Soldaten im Irak. Es sei nicht fair, wenn das US-Militär die Last des Weltordnens allein tragen würde: »Wir möchten nicht mehr von Ländern ausgenutzt werden, die uns und unser unglaubliches Militär nutzen, um sich zu schützen.« Gewisse Länder würden »nichts dafür zahlen« wollen, so der Präsident mit dem Hinweis auf Auseinandersetzungen zwischen Washington und insbesondere Berlin um Militärausgaben und Nato-Beiträge. Die US-Army sei »auf der ganzen Welt verteilt«, was Trump »ehrlich gesagt lächerlich« findet.

Trumps Truppenbesuch und sein Herumtrampeln auf der Dienstmarke des Weltpolizisten am zweiten Weihnachtsfeiertag auf dem Luftwaffenstützpunkt Al-Asad in der westirakischen Provinz Anbar waren eine Reaktion auf die heftige Kritik, die dem zunehmend erratisch agierenden Präsidenten in Washington entgegenschlägt, seit er sich überraschend zum Truppenabzug aus Syrien entschlossen hat. Die Entscheidung zum Abzug habe Trump eigenmächtig »gegen Einwände nahezu aller Beteiligten« während eines Gesprächs mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan getroffen, meldeten US-Nachrichtenagenturen unter Verweis auf Stellungnahmen aus dem Umfeld des Präsidenten – und sie löste die Rücktritte des Verteidigungsministers James Mattis und des Sonderbeauftragten für den Kampf gegen den IS, Brett McGurk, aus. Man habe Trump vor dem Telefonat mit Erdoğan mit entsprechenden Informationen und Argumenten versorgt, die er früher beherzigt habe, um den türkischen Machthaber von einer Invasion Nordsyriens abzuhalten. Der US-Präsident habe sich diesmal aber während des Gesprächs die Argumentation Erdoğans zu eigen gemacht. In den folgenden Tagen bemühten sich seine Berater, ihn zumindest zu einer Verzögerung des Truppenabzugs zu bewegen.

Oberflächlich betrachtet scheint Trump die etablierte Geopolitik der USA zu torpedieren. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich, dass der Präsident und das geopolitische Establishment in der Syrien-Frage gar nicht weit voneinander entfernt liegen. Die »Washington Post« bemerkte am 27. Dezember, dass der Rückzug »im Kern korrekt« sei. Das US-Portal »Foreign Policy« präzisierte, dass Trump – »wie üblich« – auf die falsche Art das Richtige machen würde. In Syrien sei angesichts der Verwüstungen im Land nicht mehr viel zu gewinnen, der Kriegsschauplatz dürfte sich zu einem »kostspieligen Sumpf« für »Russland, Iran, Hisbollah, Türkei und sonstige Akteure« entwickeln.

Das strategische Interesse der USA bestehe schließlich vorrangig darin, den Öl- und Gasexport aus der Region zu gewährleisten. Dies könne aber auch dadurch erreicht werden, dass die USA dabei helfen, »zu verhindern, dass ein Staat die gesamte Region unter Kontrolle bringt«.

Der Rückzug aus Syrien kann als Anzeichen für das faktische Ende der US-Hegemonie interpretiert werden. Vor gut 15 Jahren hatte Washington den Irak-Krieg mit der ausdrücklichen Zielsetzung entfacht, den Mittleren Osten politisch und sozioökonomisch entlang der Interessen der westlichen Zentren des Weltsystems umzuformen. Heute ist man in Washington bloß noch froh darüber, anderen Mächten solche Machtoptionen verweigern zu können. Außerdem wollen sich die USA auf die chinesische Herausforderung konzentrieren.

Zur Erosion der Machtbasis der USA hatauch die immer deutlichere Herausforderung der Vereinigten Staaten durch Deutsch-Europa beigetragen. Den Westen als einen mehr oder minder geschlossenen Staatenverbund unter der Führung der USA gibt es heute längst nicht mehr. Berlin hat maßgeblich zum Scheitern Washingtons im Nahen und Mittleren Osten beigetragen – vor allem durch die umfassende ökonomische Stützung des türkischen Regimes. Washington mag noch seine Stützpunkte in der Bundesrepublik nutzen können, deutsches Kapital arbeitet aber bereits völlig offen an der Untermnierung amerikanischer Machtmittel.

Das wurde im August 2018 evident, als Washington die in der Türkei schwelende Schulden- und Wirtschaftskrise nutzte, um Ankara mit ökonomischem Druck zur Räson zu bringen. Während die türkische Lira rapide an Wert verlor und die Inflation imLand beständig zunahm, konnte Trump mit einer per Twitter angekündigten Erhöhung der US-Strafzölle gegen Ankara Mitte August die türkische Krise eskalieren lassen. Zu diesem Zeitpunkt schienen die US-Machtmittel noch intakt, was auch die Durchsetzung von abermaligen Sanktionen gegen den Iranzeigte, die auch von deutschen Konzernen weitgehend befolgt werden mussten.

Doch nur wenige Monate später konnte Ankara die türkische Wirtschaft zumindest vorübergehend stabilisieren und mittels der Drohung mit einer militärischen Konfrontation in Nordsyrien Trump zum Einlenken bringen. Neben Katar, das dem ökonomisch bedrängten türkischen Regime mit Investitionen von 15 Milliarden US-Dollar beistand, und China, das Investitionen von rund 3,6 Milliarden Dollar ankündigte, war der Beitrag der BRD entscheidend. Auf rund 35 Milliarden Euro soll sich der Deal zur umfassenden Modernisierung des türkischen Schienennetzes belaufen, auf den sich Berlin und Ankara im vergangenen September verständigt haben. Diese massiven Investitionen, die an die deutsch-osmanische Bagdad-Bahn erinnern, fungieren de facto als klassisches keynesianisches Konjunkturprogramm für das Erdoğan-Regime, das die Konfrontation mit den USA dank dieser Hilfe überstehen konnte. Berlin verfolgte in der Region einen indirekten Konfrontationskurs gegenüber Washington – und war damit erfolgreich.

Nicht nur wirtschaftlich, auch militärisch will Deutschland – in diesem Fall gemeinsam mit Paris – Deutsch-Europa als Konkurrenten der USA etablieren. Schon beim letzten seiner berüchtigten Europa-Besuche Anfang November machte Trump die zunehmenden Differenzen innerhalb der Nato öffentlich, indem er sich via Twitter vehement gegen die Idee einer eigenständigen europäischen Militärmacht aussprach, die vor allem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron propagiert. Die Europäer sollten besser »ihren fairen Anteil an der Nato« zahlen, die von Washington »subventioniert« würde, polterte Trump am 9. November kurz vor dem Treffen in Paris.

Anschließend ließ er eine geplante Zeremonie zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg ausfallen. Am 13. November provozierte Angela Merkel Washington mit der Aussage, den französischen Vorschlag zum Aufbau einer EU-Interventionsarmee zu unterstützen. Außerdem kündigte die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache ein stärkeres internationales Engagement der Bundesrepublik an und der Generalinspekteur der Bundeswehr versprach Ende Dezember, die Möglichkeiten einer raschen Anwerbung von EU-Ausländern für die Bundeswehr auszuloten, um dem zunehmenden »Fachkräftemangel« zu begegnen. – Kein Wunder also, dass Trump Anfang Januar in einer Rede zeterte: »Europa ist mir egal« und: »Wenn ich in Europa beliebt wäre, würde ich keinen guten Job machen.«

Das zentrale Feld der Auseinandersetzung zwischen Deutsch-Europa und den USA ist aber die Handels- und Währungspolitik. Die Iran-Sanktionen Trumps dienten letztlich Berlin und Brüssel als Vorwand für die offene Herausforderung der Rolle des US-Dollars als Weltleitwährung. Während die EU-Kommission Anfang Dezember ankündigte, mit einer »Reihe von Schritten« das Gewicht des Euro im »internationalen Zahlungsverkehr und als Reservewährung« gegenüber dem US-Dollar zu erhöhen, lamentierten das »Handelsblatt« und die »Süddeutsche Zeitung« über den Missbrauch des Dollar als »Druckmittel« und »politische Waffe«. Zuvor hatte bereits Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in einer Rede gefordert, der Euro müsse das »Gesicht und das Werkzeug« einer neuen »europäischen Souveränität« werden.

Brüssel will vor allem die Energieimporte der EU im Wert von 300 Milliarden Euro pro Jahr, die zu 80 Prozent immer noch in Dollar abgewickelt werden, zunehmend auf Euro umstellen sowie Konzerne wie den deutsch-französischen Flugzeugbauer Airbus dazu bewegen, ihre Geschäfte in Euro abzuwickeln. Hinzu kommen Initiativen der EU-Kommission zum Aufbau eines unabhängigen europäischen Zahlungssystems, das in Konkurrenz zu internationalen Zahlungsdienstleistern wie Visacard, Mastercard oder Paypal treten soll.

Laut Währungskommissar Pierre Moscovici gehe es Brüssel bei den geldpolitischen Abkopplungsbemühungen gegenüber Washington aber darum, »die europäischen Bürger und Unternehmen besser vor externen Schocks zu schützen und die Widerstandsfähigkeit des internationalen Währungs- und Finanzsystems zu erhöhen«. Konkret bedeutet dies, dass die Europäer eine ähnliche Stellung wie die Vereinigten Staaten anstreben, die sich problemlos in ihrer eigenen Währung verschulden können, ohne »zusätzliche Risiken«, etwa durch Wechselkursschwankungen, einzugehen. Solche Spielräume will nun auch die fragile Euro-Zone – gerade in Hinblick auf drohende abermalige Krisenschübe – gewinnen.

Darüber hinaus will Brüssel denjenigen afrikanischen Staaten »technische Hilfe« gewähren, die den Euro als internationale Währung benutzen wollen. Diese Ankündigung der EU, den hochverschuldeten USA die Stellung des US-Dollar als globale Leitwährung streitig zu machen, ist eine Reaktion auf die Drohungen Trumps, die vom US-Markt abhängige deutsche Exportwirtschaft mit hohen Zöllen zu belegen. Noch Anfang Dezember haben sich deutsche Automanager zu einem Gespräch im Weißen Haus einfinden müssen, um die Trump-Administration von etwaigen protektionistischen Schritten gegen ihre Branche abzuhalten.

In den Auseinandersetzungen der Staatsapparate beiderseits des Atlantiks spiegelt sich – wie auch im Handelskrieg zwischen China und den USA – der objektive, sich hinter den Rücken der geopolitischen Subjekte entfaltende historische Krisenprozess. Die Eskalation der Handelskonflikte, bei denen alle Beteiligten sich bemühen, mit ihrer Überschussproduktion auch Arbeitslosigkeit und Schulden zu exportieren, ist ebenso Produkt der systemischen Überproduktionskrise, in der sich das gesamte Weltsystem befindet, wie die dekadenlange Verschuldung der USA in ihrer Weltleitwährung, deren Position Berlin und Brüssel nun erklärtermaßen angreifen.

Vor dem Hintergrund des sich in Schüben entfaltenden Krisenprozesses lohnt ein Blick auf das ökonomische Fundament der US-Hegemonie in den vergangenen drei Jahrzehnten. Weshalb wurde die Hegemonie Washingtons in den Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus akzeptiert oder zumindest toleriert?

Es war offensichtlich das gigantische Handelsdefizit der Vereinigten Staaten, das Ländern wie der Bundesrepublik oder auch China einen handfesten ökonomischen Grund lieferte, den Status quo hinzunehmen: Die sich deindustrialisierenden USA konnten sich in Dollar, als dem globalen Wertmaß aller Dinge, verschulden, ihre konsumgetriebene Defizitkonjunktur aufrechterhalten und exportorientierten Ländern und Regionen wie China oder der BRD einen Absatzmarkt für ihre Überschussproduktion verschaffen. Die sozioökonomischen Folgen der Deindustrialisierung in den Rust Belts der USA spülten schließlich Trump ins Weiße Haus, der mit seinem protektionistischen Programm der »Reindustrialisierung« der USA die Globalisierung in den Kollaps zu treiben droht.

Aber auch Trump vollzieht dabei nur eine objektive irrationale Krisentendenz nach: Der Prozess der Globalisierung fußt auf einer permanent steigenden Verschuldung, die maßgeblich durch die Aufblähung der Finanzmärkte angetrieben wird. Dieser Prozess des ständigen Hinausschiebens des manifesten Ausbruchs der Überproduktionskrise scheint nun an sein Ende gelangt zu sein. Was sich perspektivisch abzeichnet, ist der Einsturz dieses ökonomischen Kartenhauses samt eines Versagens der globalen Handels- und Defizitkreisläufe und der Übergang in eine neue Phase autoritärer und nationalistischer Krisenverwaltung.

Die Rolle des Weltpolizisten ist unter diesen Bedingungen nicht mehr sonderlich attraktiv. Der Imperialismus zeigt in der Weltkrise des Kapitals ein anderes Gesicht: Es ist der Kampf aller gegen alle wider den eigenen Abstieg. Das expansive Moment des Imperialismus kippt zunehmend in die Abschottung. Am Ende des Westens steht nicht dessen Ablösung durch ein anderes kapitalistisches Hegemonialsystem – etwa mit dem staatskapitalistischen China im Zentrum –, sondern die Erosion der ökonomischen Basis globalen Dominanzstrebens als solcher. Historische Parallelen lassen sich zum Zusammenbruch der staatskapitalistischen Sowjetunion ziehen, der mit den entsprechenden Konkurrenzkämpfen innerhalb der postsowjetischen Zerfallsprodukte einherging.

Geschrieben am Mittwoch, 13. März 2019

 

Ein Freund schrieb mir einen Neujahrsgruss mitsamt einem absolut bemerkenswerten Link zu einem Gespräch mit einem Potsdamer Klimaforscher - mit seiner Eindringlichkeit war es für mich absolut überzeugend, daher gebe ich es euch z.K.:

Hi - ein kleiner Neujahrsgruss: 
 
Ein Blick von 2018 auf das kommende Jahr -  cool und lässig war natürlich der unteilbare, antirassistische Tanz der 240.000 Menschen über die Leipziger Straße in Berlin.

 

Aber:
War das schon unser ganzer Kampf für eine bessere Gesellschaft...?
Was einigen Freund*innen und mir seit April 2018 schwer im Magen liegt und auf der Seele brennt,
ist ein Thema, das einfach nicht so lässig zu haben sein wird:

Ich meine natürlich, die globale Erwärmung, gerne auch, halb verschleiernd, Klimawandel genannt - bitte schaut in dieses Interview rein, nehmt euch die Zeit:

 
Es ist deutlich geworden, dass ganz offenbar keiner und keine so recht Bock hat, sich der wichtigsten Aufgabe vor der wir stehen zu zuwenden und hier vom Reden zum Handeln zu kommen...

In den nächsten Jahren wird sich zeigen müssen, wozu wir willens und fähig sind ....

Beste Grüsse ....
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Zur Info:
Stefan Rahmstorf: Der unterschätzte Klimawandel: Jetstreams, versinkende Städte, Todeszonen im Meer
Prof. Stefan Rahmstorf im Interview mit Fabian Scheidler (Kontext TV). Rahmstorf ist Co-Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Professor für die Physik der Ozeane an der Universität Potsdam.
Klimamodelle haben einige wichtige Aspekte des Klimawandels bisher unterschätzt, so der weltweit renommierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf.
Arktis und Antarktis schmelzen deutlich schneller als bisher angenommen.
Bereits bei einen Meeresspiegelanstieg von unter einem Meter seien Küstenstädte wie New York durch eine Zunahme von Sturmfluten existentiell gefährdet.
Die Veränderung von Luftströmungen wie dem Jetstream führe zu vermehrten Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Kälteeinbrüchen und Starkregen, auch in Europa.
Da 50 Jahre auf die Klimawissenschaften nicht angemessen reagiert wurde, sei nun ein sehr schneller Ausstieg aus den fossilen Energien notwendig.
Doch bei der Bundesregierung sei dazu der politische Wille nicht erkennbar.
Die enorm hohen Subventionen für Öl, Gas und Kohle müssen rasch abgebaut und neue Kohlekraftwerke weltweit verhindert werden.
Auch eine Reduktion des Flugverkehrs sei geboten.

 

31.08.2018, OXI

Die Bundesregierung versucht weiter, die Herausforderungen der Länder des globalen Südens von außen zu lösen und setzt dazu unbeirrt auf die neoliberale »Medizin« freier Märkte und der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Das muss sich ändern.

»Fluchtursachen überwinden« ist zu einem Credo der deutschen Politik geworden. Auch im sogenannten »Masterplan Migration« von Bundesinnenminister Horst Seehofer taucht der Begriff auf. Um die Perspektivlosigkeit in weiten Teilen Afrikas zu überwinden, müssen jährlich mindestens 20 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen werden, schreibt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Hat es die richtigen Rezepte dafür?

Die Entwicklungspolitik ist ein herausforderndes Politikfeld. Sie darf nicht einseitig als Sozialpolitik für die Länder des globalen Südens betrachtet werden. Vielmehr müssen Politikfelder wie beispielsweise die Handelspolitik und die globale Finanz- und Steuerarchitektur stets mitgedacht werden. Zentraler Bestandteil der deutschen Entwicklungspolitik sollte es sein, die Ursachen von ausbleibender sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung überwinden zu helfen. Sie sollte den Partnern im globalen Süden die politischen Handlungsspielräume dazu geben anstatt von außen an Symptomen herumzudoktern.

Der Afrikaplan von Entwicklungsminister Gerd Müller – der Marshallplan mit Afrika – erkennt diese Herausforderung nach größerer entwicklungspolitischer Kohärenz stellenweise an. Doch der vermeintlich große Wurf scheint erneut zu einem Papiertiger zu werden. Von einem Paradigmenwechsel ist die deutsche Entwicklungspolitik noch immer weit entfernt.

Zentrale Herausforderungen afrikanischer Staaten

So unterschiedlich die Länder des globalen Südens sind, sie teilen einige zentrale Herausforderungen. In den meisten Ländern besteht eine hohe Unterbeschäftigung und Jugendarbeitslosigkeit. 84 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Afrika sind im informellen Sektor aktiv, das heißt beispielsweise als Straßenhändler, Tagelöhner und Kleinbauern. Es mangelt an formalen Arbeitsverhältnissen, die ein sicheres Einkommen ermöglichen würden. Die Wirtschaftsstruktur der afrikanischen Staaten ist überwiegend durch landwirtschaftliche Kleinbetriebe und den Rohstoffsektor bestimmt. Der industrielle Sektor ist unterentwickelt.

Dementsprechend gibt es auch kaum Wirtschaftsakteure, die besteuert werden könnten. Ein Problem, dass durch die Steuerflucht im Rohstoffsektor noch verstärkt wird (hier). Derzeit finanzieren sich viele afrikanische Staaten noch immer durch externe Quellen. Sei es durch bi- und multilaterale Entwicklungshilfe oder durch eine Auslandsverschuldung am Kapitalmarkt. Die aufgenommenen Schulden werden häufig nicht in die Diversifizierung der Wirtschaft investiert (Gründe siehe unten). Bei Weltmarktschocks wie dem Verfall von Rohstoffpreisen, drohen die Schulden nicht tragfähig zu werden. Es kommt wiederholt zu Schuldenkrisen.

Die deutsche Entwicklungspolitik tut zu wenig, um ein internationales Umfeld zu schaffen, innerhalb dem die Länder des globalen Südens diese Herausforderungen überwinden können.

Freihandelsdogma dominiert

In der Handelspolitik besteht Deutschland auf dem Abschluss von Freihandelsabkommen mit den afrikanischen Staaten (Wirtschaftspartnerschaftsabkommen – EPAs). Afrikanische Staaten sollen ihre Märkte öffnen, erlangen aber kaum Vorteile, da sie theoretisch meist schon freien Zugang zum EU Markt haben (hier). Durch die Marktöffnung drohen afrikanische Unternehmen und Kleinbauern durch Importe noch weiter marginalisiert zu werden. Denn afrikanische Staaten sind Studien zufolge nur bei 15 – 35 Prozent aller Produkte wettbewerbsfähig genug, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können.

Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) fordert in einem von Entwicklungsminister Müller angefragten Papier, dass es den afrikanischen Staaten möglich sein müsse, »Teile der eigenen Wirtschaft vorübergehend vor dem übermächtigen internationalem Wettbewerb zu schützen« (hier). Damit würden die afrikanischen Staaten keinen Sonderweg einschlagen, sondern sich ein Beispiel an den erfolgreichen Industrialisierungsprozessen in den USA, Deutschland, Japan, Südkorea oder jüngst China nehmen. Alle diese Staaten konnten erst einheimische Industrien aufbauen, bevor sie ihre Wirtschaft für den Weltmarkt geöffnet haben.

Die EPAs zementieren hingegen das Freihandelssystem, welches mit der Schaffung der Welthandelsorganisation (WTO) institutionalisiert wurde. Und sie gehen über WTO-Bestimmungen hinaus. So schränken die EPAs beispielsweise industriepolitische Maßnahmen wie Exportsteuern und Bedingungen für ausländische Investitionen zur Förderung der einheimischen Wertschöpfung (local content clauses) weiter ein (hier).

Dabei gibt es Alternativen. Statt der Freihandelspolitik sollte Europa die regionale Integration Afrikas, also den Aufbau regionaler Märkte, unterstützen. Daneben könnten Beratungsleistungen – wie das vom DIE vorgeschlagene »Zukunftsprogramm afrikanischer Strukturwandel« – angeboten werden, damit afrikanische Industrien von handelspolitischen Schutzmaßnahmen profitieren anstatt dass diese auf politisch gut vernetzte »Unternehmer« zugeschnitten werden (hier mehr Details). Spannend ist, dass selbst Vertreter deutscher Wirtschaftsverbände auf ihren privaten Twitteraccounts schreiben, dass es eine starke afrikanische Wirtschaft brauche, da ohne lokale Partner und Kunden kaum von außen investiert werde.

Entwicklungsfinanzierung

Auch bei der Entwicklungsfinanzierung greift die Diskussion in Deutschland häufig viel zu kurz. Meist wird das Ziel in den Vordergrund gerückt, 0,7 Prozent des deutschen Bruttonationaleinkommens für die Entwicklungszusammenarbeit aufzuwenden. Während dieses Ziel löblich ist, verringert es nicht die Abhängigkeit Afrikas von externen Mittelgebern. Weitaus nachhaltiger wäre es, den illegalen Abfluss von Finanzmitteln und die Ausbeutung afrikanischer Reichtümer zu beenden. So verlieren die afrikanischen Staaten jährlich eine geschätzte Summe zwischen 30 und 100 Milliarden Euro an potenziellen Staatseinnahmen infolge von Steuerflucht zumeist multinationaler Konzerne. Hinzu kommen Abflüsse durch die Ausbeutung afrikanischer Fischbestände oder für den Schuldendienst infolge verantwortungsloser Kredite, die mitunter von korrupten Staatschefs aufgenommen wurden (hier).

Zusätzlich zu alljährlichen Versprechungen (Regierung) und Forderungen (Opposition) der Erhöhung der ODA-Quote (= Anteil der öffentlichen Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit am Bruttonationaleinkommen, BNE) sollte sich die Politik ehrlich machen und helfen, den Abfluss illegaler Finanzströme einzudämmen. Auf internationaler Ebene dürfte Deutschland nicht mehr bei der Bekämpfung der Steuerflucht bremsen (hier). Vielmehr sollte sich die deutsche Politik für eine Einbeziehung der Länder des Südens im Kampf gegen die Steuerflucht – also einer Verlagerung dieses Themas von der OECD hin zu UN – einsetzen. Auf nationaler Ebene könnte Deutschland endlich anfangen, auch afrikanische Länder am Informationsaustausch über Steuerdaten teilhaben zu lassen, statt die Steuerbehörden Afrikas weiter im Dunkeln tappen zu lassen und es Steuerflüchtlingen noch leichter zu machen (hier).

Marktgläubigkeit statt Anerkennung des Entwicklungsstaates

Obwohl der »Marshallplan mit Afrika«, der zentrale Entwicklungsplan von Entwicklungsminister Müller, einige progressive Passagen enthält, ist die deutsche Entwicklungspolitik noch immer zu marktbasiert ausgerichtet. Der vom damaligen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ins Leben gerufene »G20 Compact with Africa« fußt darauf, die Rahmenbedingungen für private Investitionen in Afrika zu verbessern. Afrikanische Staaten mussten sich beim G20-Treffen in Hamburg wie in einer Casting-Show mit ihren geplanten Reformbemühungen zur Verbesserung des Investitionsklimas bei Investoren und Partnerländern aus dem globalen Norden bewerben.

Ähnlich wie in der Wirtschaftspolitik für Europa, steht beim Compact die Wettbewerbsfähigkeit afrikanischer Staaten im Vordergrund. Durch beispielsweise schlanke Regulierungen, ein investitionsfreundliches Steuersystem, makroökonomische Stabilität, Investitionsschutz und Garantien zur Verringerung von Investitionsrisiken sollen ausländische Investoren nach Afrika gelockt werden (hier Details).

Der Fokus auf die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsbedingungen beißt sich selbst in den Schwanz. Denn ein Land, welches seine Investitionsbedingungen verbessert, lockt nur so lange Unternehmen an, bis ein anderes Land noch bessere Investitionsbedingungen aufweisen kann. Es besteht also die Gefahr, dass die afrikanischen Staaten miteinander um die kargen Investitionen ausländischer Unternehmen konkurrieren, dass sich also mittelfristig Kosten und Ertrag nicht mehr die Waage halten. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, die einheimische Wirtschaft zu fördern. Lokale Unternehmen haben ein genuines Interesse an der Entwicklung ihres Landes und sind dort viel stärker verwurzelt. Im Gegensatz zu internationalen Firmen werden sie ihr Land nicht verlassen, wenn es in einem Nachbarland vermeintlich bessere Investitionsbedingungen gibt.

Die deutsche Entwicklungspolitik muss sich endlich vom neoliberalen Dogma freier Märkte und des schlanken Staates lösen. Die Entwicklungserfolge der asiatischen Tigerstaaten und später Chinas zeigen die Bedeutung eines starken Staates, denn sie beruhten nicht auf freien Marktkräften. Der Schutz für einheimische Produzenten, die Bereitstellung von Krediten für produktive Unternehmen und strategisch wichtige Industriesektoren, die Förderung der Ausbildung und später von Innovationen und technologischem Fortschritt waren essentielle staatliche Leistungen, ohne die den asiatischen Staaten kein so erfolgreicher Aufholprozess gelungen wäre (hier).

Fazit

Abschließend ist festzuhalten, dass die deutsche Entwicklungspolitik nicht im leeren Raum stattfindet. Sie wird von deutschen Wirtschaftsinteressen und wirtschaftspolitischen Überzeugungen beeinflusst. So ist Deutschland mit seinem exportlastigen Wirtschaftsmodell vom freien Zugang zu Exportmärkten abhängig. In Regierungskreisen wird wahrscheinlich befürchtet, dass protektionistische Maßnahmen wieder an Attraktivität gewinnen könnten, wenn sie Entwicklungsländern erlaubt wären. Befürchtet wird scheinbar, dass sich auch größere Handelspartner dieser Maßnahmen bedienen und Deutschland Exportmärkte verlieren würde.

Zudem setzt Deutschland sowohl im Inland als auch bei europäischen »Krisenländern« komplett auf die Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, also auf ein neoliberales Wirtschaftsmodell, in dem Staaten wie Unternehmen angesehen werden und es hauptsächlich um die Senkung von Kosten geht. Diese wirtschaftspolitischen Überzeugungen werden sich letztendlich immer auf die Entwicklungspolitik übertragen. Dementsprechend ist nicht absehbar, dass Deutschland sich in der Entwicklungspolitik für eine stärkere Rolle des Staates oder eine Abkehr vom Dogma der Wettbewerbsfähigkeit einsetzen wird.

Das deutsche Wirtschaftsmodell steht somit einem Paradigmenwechsel in der Entwicklungspolitik im Weg. Deutschland wird weiter versuchen, die Herausforderungen der Länder des globalen Südens von außen zu lösen und dazu weiter die neoliberale »Medizin« freier Märkte und der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit verschreiben. Der Aufbau oder vielmehr die Rekonstruktion eines Weltwirtschaftssystems, in dem wirtschaftlich schwächere Länder politisch ausreichend Handlungsspielräume haben, um eigene Entwicklungspfade zu bestreiten – wie es Südkorea, Taiwan und Co. in den 1960er und 1970er Jahren taten (hier) – wird somit auch von Deutschland verbaut.

Nico Beckert beschäftigt seit über zehn Jahren mit entwicklungspolitischen Themen. Sein Beitrag erschien auch auf seinem Blog und zuerst auf dem Portal WI(e)SO – Wie sozial kann Wirtschaft sein.